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Donnerstag, 17.05.2018 Lokalnachrichten

Am Schreibtisch saß ein typischer Torjäger

Am Schreibtisch saß ein typischer Torjäger
Trikot zum Ruhestand: MT-Sportredakteur Johannes Klinker (links) wurde am Donnerstag von seinen Kollegen verabschiedet. Foto: Hermes

Von Hubert Kreke

Cloppenburg. Keiner in der ganzen Redaktion konnte sich so über (eigene) Fehler aufregen wie Hannes Klinker. Ein vertauschter Name, ein falsch abgetipptes Ergebnis oder auch nur ein Zahlendreher in der Hektik des Sonntagsdienstes reichten, und der Montag war gelaufen.

Dass der erste und längste Sportredakteur der MT (1,91 Meter, 41 Jahre im Dienst) an diesem „schwarzen Sonntag“ ein halbes Dutzend Fußballberichte makellos in die Tasten seiner „Olympia“ gehämmert hatte, zerfiel mit einem Schlag zum trostlosen Nebenprodukt einer verfehlten Existenz, deren Nichtigkeit Klinker über die Flure fluchend beklagte.

In solchen Momenten schien der Ex-Torjäger nahe dran, der Anregung des verstorbenen Verlegers Heinz Josef Imsiecke zu folgen. Als Klinker wieder einmal verletzt vom Platz ins Büro humpelte, hatte der Senior ihm sarkastisch geraten, doch auf Schach umzusteigen. Sich zu schonen, war für den gelernten Mittelstürmer allerdings nie eine Option: Eine Vorlage direkt und perfekt zu verwandeln, der Ehrgeiz, die eigenen Fähigkeiten mit einer Bestleistung unter größtem Druck zu bestätigen – das war sein Anspruch im Beruf wie auf dem Platz. Und wehe, das ging ausnahmsweise schief.

Über Johannes Klinker in der Vergangenheitsform zu schreiben, fällt schwer, weil er so präsent ist. Und doch ist es heute nötig: Gestern ist der erste Volontär der MT aus dem Dienst verabschiedet worden. Hannes Klinker scheidet mit 62 Jahren wegen einer Serie schwerer Erkrankungen aus, die er zwar überstanden hat, die aber viel Kraft gekostet haben. Chefredakteur Julius Höffmann und Geschäftsführer Jan Imsiecke versuchten in einer kleinen Feier das Unmögliche: in einer halben Stunde zu beschreiben und zu würdigen, was Klinker in 41 Jahren geleistet und aufgebaut hat.

„Der Verlag ist stolz auf dich. Du bist und bleibst einer von der MT“, erklärte Geschäftsführer Jan Imsiecke in einer kleinen Feierstunde. Es sei kein Abschied, Klinker bleibe immer in Verbundenheit zur MT. Auch Chefredakteur Julius Höffmann würdigte seine Arbeit: „Du hast eine große Portion Leidenschaft mitgebracht und die Sportredaktion geprägt.“ Der Sportteil sei ein großes Aushängeschild der Zeitung, Klinker habe zu Beginn die Pionierarbeit dafür geleistet.

Als Einzelkämpfer gestartet, war der unübersehbare Hüne mit der ewig blonden Jugendmähne der „Erste unter Gleichen“ in der inzwischen dreiköpfigen Sportmannschaft. Abseits des Tagesgeschäfts stellte Klinker, selbst ein „Dinosaurier“ der Szene, immer wieder aus der Öffentlichkeit verschwundene Ex-Sportler vor, die er kannte und schätzte.

Zu höchster Form lief der Redakteur auf, wenn ihn kleine, menschliche Missgeschicke abseits des Berufs unterliefen. Seine ironischen Glossen über das alltägliche Scheitern waren ein Lesefest, weil sich niemand sonst aus der Redaktion so entwaffnend-komisch bloßstellen mochte und konnte.

Das galt auch für sein legendäres Versagen bei internen Tippspielen. Der ausgewiesene Experte, der jeden köllschen Zweitliga-Fußballer und jeden bulgarischen Nationalverteidiger seit 1956 auswendig hersagen kann, belegte regelmäßig letzte und vorletzte Plätze, weit abgeschlagen hinter Volontärinnen, die noch nie einen Fußball aus der Nähe gesehen hatten. Dass so etwas wie „Zufall“ oder „Glück“ einer Mannschaft unverdient zum Sieg verhelfen könnte, kam in der Vorstellung eines Mannes, der Erfolg als reines und ehrliches Leistungsprodukt verstand, nicht vor. Die Kollegen spotteten milde mit einem bedruckten Kaffeebecher: „Tippkönig Hannes“.

So etwas wie Ruhe oder Entspannung kannte Klinker eigentlich nur bei zwei Gelegenheiten: lange Autofahrten zu Auswärtsspielen und seine jährliche Kreta-Tour. Mit einem Motorroller und abgezählter Unterwäsche unterm Sattel klappert der Cloppenburger allein eine Woche lang die kleinen Südstrände der griechischen Insel ab. Klinker könnte einen Reiseführer mit Geheimtipps füllen, behält aber die schönsten Flecken für sich. In zwei Wochen schwingt er sich wieder in den Sattel. Ob und was er danach schreibt, das lässt der Rentner offen. Aufregen über einen Zahlendreher oder ein falsches Spielergebnis wird er sich jedenfalls nicht mehr. „Ich hab‘ jetzt schon Abstand“, sagt er. Ein Indiz: Der geschulte Rock-Fan besucht seiner Frau Sylvia zuliebe bereits Andrea-Berg-Konzerte – angeblich freiwillig. Das muss Gelassenheit sein...

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